Wer Sozialrealismus mag, der anders als bei Andreas Drehsen (Halbe Treppe) nicht nur eine sozialromantische Kumpanei mit „denen da unten“ darstellt, wird sich in Andrea Arnolds Debutfilm „Red Road“ sehr wohl fühlen. Relativ gesehen natürlich, denn Red Road ist eher düster und kühl. Die kargen Plattenbausiedlungen im die Kulisse bildenden schottischen Glasgow sind eher traurig und bedrohlich, auch gibt es hier keine 17 Hippies, die zeigen könnten, dass das Leben doch ganz cool ist, oder was auch immer Drehsen seinerzeit aussagen wollte.
„Red Road“ ist Teil einer Triologie, erdacht vom Triologie-Spezialisten Lars von Trier (Dancer in the Dark, Dogville), die wie einst bei Dogma (beste Beispiele: Italienisch für Anfänger, Die Idioten) ganz bestimmten Regeln zu folgen haben. Cineman fasst sie kurz zusammen: „Drei Filmemacher – ausgewählt von Lars von Trier – drehen drei voneinander unabhängige Filme, in denen jedoch stets dieselben neun Figuren vorkommen. Die verschiedenen Figuren werden in allen Filmen mit den gleichen Schauspielern in den gleichen Rollen besetzt, alle Filme müssen in Schottland spielen.“
Im Mittelpunkt von Red Road steht Jackie, eine Angestellte bei einer Überwachungsfirma names „City Eye“, deren Aufgabe es ist, auf unzähligen Monitoren mittels schwenk- und zoombarer Kameras vor allem die Problemviertel Glasgows zu überwachen. Einige Filmkritiker haben sich hier nicht ganz zu unrecht an orwellsche Überwachungsvisionen erinnert gefühlt. Andreas Bursche schreibt so zum Beispiel bei Fluter:
Andrea Arnolds Debütfilm „Red Road“ hat eine sehr zeitgemäße Metapher für die menschliche Entfremdung in der Stadt gefunden. Das muss gar nicht überraschen, schließlich gehören die britischen Metropolen zu den Siedlungsgebieten mit der weltweit höchsten Dichte an Überwachungseinheiten. Orwells „Big Brother“ ist hier längst kein Bedrohungsszenario mehr, sondern eine Alltäglichkeit.
Und auch die Gebäudekomplexe, die Jackie später selbst durchstreift und betritt, erinnern mit etwas gutem Willen an 1984. Dennoch, ist es verfehlt diese Dystopie in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit diesem Film zu stellen. Einerseits wäre das Überwachungsthema etwas zu gewaltig für einen kleinen und einen Debutfilm, andererseits ist es nun auch nicht mehr so en vogue, als das man da nun unbedingt nochmal nen Film drüber drehen müsste. Vielmehr bilden sie einen symbolische Rahmen für die Persönlichkeit Jackies. So schreibt A. O. Scott in der New York Times:
It is fitting, then, that Ms. Arnold’s interest in the phenomenon of surveillance is less political than psychological. [… Jackie is like a moviegoer and, given her ability to edit and refine the images she collects, like a filmmaker as well. Right from the start, then, the director, the heroine and the audience are all implicated in a queasy, curious game of intimate spying.
Jackie’s voyeuristic tendencies at first seem fairly benign, and the familiarity she feels with other Glaswegians looks more like fellow-feeling than prurience. She smiles in sympathy at a man walking his ailing bulldog, and in amusement at an office cleaner dancing with her headphones on. But Jackie is also lonely, and clearly suffering. The anonymous people she watches are all the human contact she can stand […}.
Eines Tages nun entdeckt Jackie auf einem der Monitore einen Mann, den sie zu kennen scheint. Fortan verfolgt und beobachtet sie ihn zunächst über die Kameras, später dann in der Realität. Warum bleibt völlig unklar, zumal er alles andere als ein sympathischer Zeitgenosse ist. Dennoch scheint Jackie sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Ich empfehle, keine weiteren Informationen über Jackies Motive einzuholen, das könnte sonst den Filmgenuss stören.
Jackie und den Fremden verbindet natürlich etwas, das erst sehr spät im Film enthüllt wird. Bis dahin bleibt Jackies Verhalten mysteriös und unverständlich. Während sie die Nähe sucht, fängt die Kamera starke, authentische Bilder der verkommenen Wohnblöcke in der namesgebenden Red Road ein, bleibt mit dem Zuschauer zusammen aber nur Beobachter gleich der Beobachterolle, die auch Jackie am Anfang hatte. Dennoch gelingt es der Regisseurin von Beginn an den Gemütszustand der Protagonistin offen zu legen. Als Jackies widersprüchliche Handlungen schließlich erklärt und aufgelöst werden, verfällt der Film bzw. die Regisseurin ein wenig zu sehr darin, alles zu deutlich zu erklären, so dass der zunächst dichte und tiefe filmische Blick in Jackies Seele unschöne bevormundende Züge bekommt, die dann auch etwas enttäuschend ausfallen.
Als Charakterstudie einer Frau, als Film über Verlust und Einsamkeit, wie auch als gelungenes authentisches Portrait der urbanen Verwahrlosung vornehmlich des „White Trash“ funktioniert der Film sehr gut.
Red Road, Großbrittanien/Dänemark 2006, IMDB, Film-Trailer auf Youtube, auf DVD erhältlich (UK Import)











4 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
Mai 25, 2009 um 13:02
Cannes 2009: Die Preisträger « TV… und so
[...] für Andrea Arnold, die aus dem Umfeld von Lars von Trier ihrere Regiekarriere (“Red Road”) startete, freut mich der Preis der Jury für “Fish Tank” ganz besonders. Im Prinzip [...]
Juni 4, 2009 um 21:46
Hannes Bauer
Ich will nicht arrogant rüberkommen – aber es wäre erfreulich, wenn die Artikel vor der Veröffentlichung erst auf Rechtschreibfehler überprüft würden (realtiv, symphatisch, Verwarlosung etc.). Auch finde ich das Werk Andreas Dre(h)sens hier deutlich unterschätzt – absolut empfehlen will ich hier nochmal »Wolke 9«, »Nachtgestalten« und »Sommer vorm Balkon«.
Juni 4, 2009 um 21:54
Stimmt..
..hier noch welche: Triologie, Großbritannien, Beobachterolle, names. Ok, reicht.
Juni 5, 2009 um 12:57
tvundso
„Ich will nicht arrogant rüberkommen – aber es wäre erfreulich, wenn die Artikel vor der Veröffentlichung erst auf Rechtschreibfehler überprüft würde“
Ja, da hast Du allerdings Recht