Journalismus in der Hand privatwirtschaftlicher Verlage: Alternativlos?
Die Debatte um die Finanzierung journalistischer Inhalte im Netz kommt mir zunehmend seltsamer vor. Denn fast alle Stimmen die dazu gehört werden, argumentieren aus einer Sichtweise: der, dass es zu einem privatwirtschaftlich finanziertem, in der Hand von wenigen Verlegern befindlichen Modell von Journalismus keine Alternative gäbe. Zumindet wird so getan, als gehe die Welt unter, wenn Verlage es nicht schaffen, Qualitätsjournalismus zu produzieren und zu finanzieren. Vielleicht passiert das aber auch nicht (weshalb man sie ruhig machen lassen sollte). Mehr noch: Vielleicht aber muss die Frage auch ganz anders gestellt werden.
Ich denke, es ist unumstritten, dass Journalismus nur von hauptberuflichen, gut ausgebildeten, finanziell unabhängigen, also von irgendjemandem bezahlten Journalisten geleistet werden kann. Ob diese hauptberuflichen Journalisten dann vielleicht auch neue Publikationsformen nutzen, etwa Blogs, ob sich die Vorstellung von Heimat und Lokalem hin zu selbstgewählten Sozialen Netzwerken wandelt, ob Verlage überall dort präsent sein müssen in „den Medien“, wo auch die Nutzer sind – dass alles sind Fragen, die nichts nicht mit der Kernfrage zu tun haben.
Die Kernfrage lautet: Welcher Journalismus – nicht welcher Kanal, nicht welche Darstellungsform – ist der Beste und wie soll er bezahlt werden. Über diese Frage wird derzeit nicht diskutiert. Diese Frage scheint bereits beantwortet zu sein – es soll der Journalismus in privater Hand sein; wenn es unbedingt sein muss, alternativ auch in einer nicht profitorientierten privaten Hand (Stiftungen). Gestritten wird nun vor allem um das Geschäftsmodell des profitorientierten Journalismus.
Dabei sollte man vielleicht mal die Frage stellen, ob denn nicht der Journalismus eher in die Hand der Gesellschaft anstelle der Hand weniger Verleger gehört? Ich finde diese Frage berechtigt. Zwar zeigt die Geschichte, dass Verlagsjournalismus gut funktioniert, aber andere Modelle, etwa das öffentlich-rechtliche Modell im Fernsehen und Radio, tun es, von den üblichen Störungen abgesehen, auch.
Das öffentlich-rechtliche Wortradio etwa, in Form von Sendern wie WDR 5, Radio 1, Bayern 2, Deutschlandradio… halte ich persönlich für die beste Art der Informations- und Meinungsbildung unterhalb der Möglichkeit, dass man dazu natürlich auch Bücher lesen könnte oder die wissenschaftlichen Debatten zu wichtigen Themen verfolgt, via Internet auf Originalquellen zurückgreift, sich schlicht und ergreifend auch selbst Informationen aus allen Kanälen zusammenstellt und pflegt (RSS, Twitter, Social Bookmarking).
Aus all dem Nachdenken über diese Dinge, habe ich die Einsicht gewonnen, dass das Idealmodell eine Mischung aus einem öffentlich-rechtlichem System wäre, dazu ein privates, non-profit Modell als Kontrollinstanz (Stiftungen, plus Blogger, Bürgerjournalismus). Wohlgemerkt: Ich habe diese Einsicht gewonnen. Andere nicht, möglicherweise ist sie falsch. Auffällig ist jedoch, dass diese Argumente, diese Ideen, die ich hier aufgeschrieben habe, in der Debatte um den Paid-Content nicht stattfinden.
Die Paid-Content-Debatte verkürzt die wichtige Debatte um die Zukunft des Journalismus auf das Verlagsmodell, führt daher in die Irre. Denn sie verliert die Frage nach dem besten Journalismus aus dem Auge. Und natürlich: die muss in dieser Zeit wieder neu gestellt werden. Warum denn nicht?
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3 Kommentare
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Dezember 16, 2009 um 11:03
Robin
@ Thomas:
Ich finde, dass die von Dir vorgeschlagenen Mischmodelle sehr häufig in der Diskussion genannt werden. Daher kann nicht nicht bestätigen, dass sie in der Debatte „nicht stättfänden“.
„Dabei sollte man vielleicht mal die Frage stellen, ob denn nicht der Journalismus eher in die Hand der Gesellschaft anstelle der Hand weniger Verleger gehört?“
Hier machst Du es Dir deutlich zu einfach. Einerseits müssen wir feststellen, dass die Rundfunkanstalten nicht unbedingt nur in der Hand „der Gesellschaft“ – wie der Fall Brender zeigt.
Und zweitens möchte ich auf diesen Text von Jakob Augstein verweisen:
http://www.freitag.de/positionen/0909-an-der-staatsgrenze
„Es gibt die Gesellschaft nicht. Wenn die Gesellschaft etwas in die Hand nimmt, dann bedeutet das, dass eine Bürokratie, eine Verwaltung etwas in die Hand nimmt. Eine Institution, die nach ihren Regeln funktioniert. Und das sind nun nicht immer die Regeln und Prinzipien der Vernunft, des Gemeinwohls, des Fortschritts. Es sind oft genug die Regeln der Konfliktvermeidung und des Eigennutzes. Wie in jeder Institution.“
Wenn man ein anderes als ein marktwirtschaftliches Modell (und darum geht es, nicht um die Verlage) für Journalismus haben möchte, dann müsste man erst einmal klären, warum Marktwirtschaft hier angeblich nicht funktioniert und wieso eine Mischform (also Teilliberalisierung) die richtige Antwort auf das Problem ist.
Mein Eindruck: Freie und/oder marktwirtschaftliche Systeme sind eher in der Lage, den neuen technischen Möglichkeiten und den veränderten gesellschaftlichen Bedarf überhaupt zu verarbeiten.
Dezember 16, 2009 um 17:55
tvundso
„Mein Eindruck: Freie und/oder marktwirtschaftliche Systeme sind eher in der Lage, den neuen technischen Möglichkeiten und den veränderten gesellschaftlichen Bedarf überhaupt zu verarbeiten.“
Man kann die aktuelle Entwicklung bei den Verlagen auch genau als das Gegenteil interpretieren. Demgegenüber das öffentlich-rechtliche Wortradio: es hat sich sehr gut ins Internet eingefügt, ganz natürlich fast. Beispiel: Breitband und die CC-Musik.
In einem Artikel auf Carta weist Du im Zusammenhang mit den Internetplänen von ZDF-Intendant Markus Schächter ebenfalls auf das Subisidiaritäts-Prinzip (der EU) hin (http://tinyurl.com/yfryl2f), wonach also freie und/oder marktwirtschaftliche Systeme Vorrang vor staatlichem Eingriff hätten. Das ist ja „nur“ eine gewollte politische Agenda, die auf diesen oder jenem Stand oder Irrtümer der Forschung und der Entscheider beruht. Mit Deinen Argumenten – so auch hier – bewegst Du Dich innerhalb dieses politischen Plans, kritisierst das er nicht befolgt wird.
Wobei bei allen Argumenten, die auf dieser Basis erfolgen, klar ist: Wenn Markt, Konsumenten und „Berater“ lange genug rumlaborieren, kommt am Ende Qualitätsjournalismus bei raus. Ich vermute: am Ende kommt ein funktionierender Markt ohne Qualitätsjournalismus bei raus, insbesondere was die flächendekende und lokale journalistische Grundversorgung betrifft (Im Kern geht es ja darum, genau das zu sichern).
„Ich finde, dass die von Dir vorgeschlagenen Mischmodelle sehr häufig in der Diskussion genannt werden.“
Das sage ich ja oben auch, und zwar auf ähnliche Weise wie es oft in den Diskussionen stattfindet, in einem Halbsatz. Meistens handelt es sich dabei aber auch wiederum um private Modelle, die im Zweifel eher Partikular-Intressen (die der Spender bei einem entsprechenden Modell) als Allgemeininteresse vertreten würden.
Alle Wortführer in der aktuellen Diskussion um Verlage und Paid-Content haben ein Interesse daran, dass sie selbst Teil des von Dir als am leistungsfähigsten beschriebenen marktliberalen Modells teilzuhaben: Markus Beckedahl, Du und Thomas Knüwer unterhalten etwa Beratungen (newthinking, Berlin Institut, kpunktnull), die ja in diesem System Teil eines modernen, freien Problembewältigungsprozesses sind (Governance?).
Aus diesem Grund ist der Blick darauf, welcher Journalismus der Beste sein kann, verengt. Trotz 12. Rundfunkstaatsvertrag und EU will ich schon noch sagen: Das will ich so nicht. Vor dem Bankencrash, der in derselben politischen Agenda seinen Ursprung hat, hätten auch mehr Leute Stopp rufen sollen.
Dezember 29, 2009 um 03:51
Bild macht mobil – oder: Warum sich die Bild so sehr über die Öffentlich-Rechtlichen aufregt « TV… und so
[...] und deren Versuch ihrem Wettbewerbsnachteil zu entgehen: hier, hier und hier etwa (in einem Kommentar hier auf tvundso.com wehrt sich Robin Meyer-Lucht gegen den Vorwurf der Einseitigkeit). Auch [...]