Auf dem englischen TV-Sender ITV läuft derzeit die fünfte Staffel von The X-Factor, einer Pop-Idol änlichen Castingshow. Und das mit großen Erfolg. Die Einschaltquoten der fünften Staffel sind mit bis zu über 12 Millionen in der Spitze die höchsten in der Geschichte des Formats. So sahen am vergangenen Wochenende 12.8 Millionen britische TV-Zuschauer die inzwischen achte Liveshow, was einem Marktanteil von fast 50 Prozent entspricht.
Als RTL in der ersten Hälfte dieses Jahres die fünfte Staffel von Deutschland sucht den Superstar (DSDS) ausstrahlte, das nach dem Pop Idol-Konzept lizensiert ist, schauten selbst bei der am häufigsten gesehen Show nicht einmal halb so viele deutsche TV-Zuschauer zu (und das obwohl Deutschland 30 Prozent mehr Einwohner hat, als Großbrittanien). Auch der Marktanteil in der Zielgruppe lag bei zwar starken, aber vergleichsweise eben schlechteren 30 Prozent.
Das DSDS auf RTL zwar erfolgreich, aber soviel schlechter läuft als The X-Factor hat sicher etwas mit unterschiedlichen Fernsehgewohnheiten und der viel größeren Bedeutung und Qualität von Popmusik in Großbritannien zu tun, aber nicht nur. Das X-Factor-Konzept ist einfach besser, es ist keine belächelte Dieter Bohlen-Show, es erreicht das ganze Publikum, es ist eine große Samstagabendshow für alle, von herausragender Qualität sowohl was die Produktion als auch die Kandidaten betrifft.
Nun ist es so, dass RTL die Rechte sowohl für eine deutsche Pop Idol als auch für eine fiktive deutsche X-Factor-Show besitzt. Es ist leider zu befürchten, dass RTL die X-Factor-Rechte 2006 nur deshalb gekauft hat, um ein Konkurrenz-Sendung zu verhindern, aber ich frage mich, ob nicht RTL als Marktführer auch den Anspruch haben muss, aus DSDS noch mehr herauszuholen. Die „schwachen“ Quoten zeigen, dass hier noch sehr viel Luft nach oben ist. Wäre ich RTL, dann würde ich bei gleichem Namen, also DSDS, einfach das Lizenzprodukt hinter der Show austauschen, also statt Pop Idol X-Factor. Das hätte Vorteile, die ich im Folgenden skizzieren möchte:
- Das X-Factor-Konzept sieht auch Kandidaten jenseits der 30 vor. Zusätzlich werden die Kandidaten in vier Kategorien aufgeteilt: Jungs, Mädchen, Über 25 und Bands. Das führt einfach zu einer abwechslungsreicheren Bandbreite an musikalischen Auftritten und Stilen, zu Identifikationspotenzial vom 8-jährigen Mädchen bis hin zu Erwachsenen und älteren TV-Zuschauern. Mehr noch: Auch jenseits vom Supertalent bringen ältere und älteste Kandidaten Schwung in die Castings
- Durch die vierköpfige Jury und Tatsache, dass jedes Jurymitglied eine der vier Kategorien betreut, entsteht eine gewisse Dynamik in der Jury, da die Juroren gezwungen werden parteiisch zu sein. Konflikte vorprogrammiert. Das wäre auch die große Chance Dieter Bohlen einen Teil seiner Macht zu nehmen, die das Konzept einschränkt. Soll er ruhig die Jungs-Kategorie betreuen und nach dem dritten Mark Medlock suchen, wir anderen erfreuen uns an den restlichen 3 Juroren und ihren Seitenhieben auf Bohlen und sein bescheidenes Verständnis von Popmusik. So beliebt Bohlen sein mag, so unbeliebt ist er es auf der anderen Seite. Beide Seiten in das Konzept zu integrieren macht alle glücklich: Die Bohlen-Fans und die Bohlen-Hasser.
- The X-Faktor ist abwechslungsreicher und spannender. Erstens durch die größere Kandidatenbreite, zweitens durch die Dramaturgie der Show. Während beim Popidol-DSDS Marco Schreyl zäh versucht Spannung zu erzeugen, wenn die Verkündung des herausgewählten Bewerbers erfolgt, so übernimmt dies bei X-Factor die Dramaturgie. Die beiden Kandidaten mit den wenigsten Stimmen müssen nochmal singen, was in diesem Jahr zu großartigen Auftritten führte, im wahrsten Sinne des Wortes ein „ums Überleben“ singen. Danach entscheidet die Jury, kann die sich nicht einigen, kommt die nächste Spannungsphase hinzu: jetzt wird doch das Publikumsvoting verkündet. Superspannend. Und das inzwischen überstrapazierte Dehnen der Verkündung des Moderators wird insgesamt eingeschränkt.
- Auch toll: Nach dem Recall (Bootcamp) fahren alle vier Teilnehmergruppen mit dem jeweiligen Juror in die „Ferien“, an irgendeinen Ort auf der Welt (besser: Europa). In der dann ganz anderen Kulisse werden die besten Kandidaten pro Kategorie ermittelt. RTL will wohl die Doku- und Reportageelemente der Show stärken: Das ist die Chance!
Natürlich gibt es auch Dinge, die man nicht ändern kann. Marco Schreyl und Dieter Bohlen zum Beispiel, viele lieben sie, viele hassen sie, schlecht sind sie beide, aber damit muss man Leben. Und natürlich wird es in Deutschland vermutlich nie so tolle Kandidaten geben, wie in Großbrittanien. Trotzdem gibt es so vieles was man besser, spannender und abwechslungsreicher machen kann. The X-Factor ist von den drei großen hier in Deutschland wahrgenommenen Casting-Shows, also X-Factor, DSDS, Pop Idol USA, die einzige mit steigenden Quoten und unumstritten wohl die beste unter ihnen. Das kann man nicht leugnen. Tut was, RTL!
xftv









13 Kommentare
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
Dezember 15, 2008 um 17:48
Lydia Krasnic
Kluge Analyse!
Ich habe mir diese DSDS-Staffel (meine erste, letzte und einzige) ja sowieso nur wegen Fady Maalouf, dem Mann mit der unglaublich gefühlvollen Stimme, angetan, aber muss Dir auch sonst in allen Punkten recht geben.
Bohlen beklagt sich ja, dass aus fast keinem DSDS-Gewinner bisher ein echter Superstar geworden ist, dabei ist er selbst ja ein Teil des Problems!
Dezember 15, 2008 um 19:22
tvundso
Danke. Das Fady wohl nicht ins Dschungelcamp will ist ja auch ein klares Statement. Meine Lieblings-DSDS-Kandidatin bleibt allerdings Juliet.
Was mich an Bohlen stört, ist das er nur deutsche Popmusik machen kann, also im Grunde Schlager, und wenn er was englisches macht, dann klingt es auch wie ein deutscher Schlager. Dann die ganze prollige Aura um ihn herum. Da werden dann irgendwann selbst die hartgesottensten Zuschauer abgeschreckt.
Januar 20, 2009 um 20:09
Zum Start der sechsten DSDS-Staffel « TV… und so
[...] man das DSDS-Konzept wieder spannend machen kann, habe ich kurz nach dem Finale der X-Factor-Show in einem Beitrag auf diesem Blog hier beschrieben. X-Factor (die britische Castingshow) ist die einzige mit steigenden Quoten und [...]
Januar 21, 2009 um 14:40
Deutschland sucht den Superstar (DSDS) - die neue Staffel » TVSongs.de Musik aus dem Fernsehen
[...] wäre wünschenswert, wenn RTL sich eine Scheibe (oder am besten gleich die ganze Worscht) vom britischen Ableger The X-Factor abschneiden würde. Doch der Autor dieses Beitrags glaubt inzwischen selber nicht mehr daran, dass [...]
Februar 21, 2009 um 23:14
DSDS: Die Kandidaten der Top 15 Show 2009 « TV… und so
[...] Was RTL und DSDS von “The X-Factor” lernen sollten [...]
Mai 6, 2009 um 15:11
X-Factor vs DSDS « TV… und so
[...] DSDS basiert) haben wollte. Letztes Jahr habe ich dann auch einen Blogeintrag darüber geschrieben, was RTL und DSDS von “The X-Factor” lernen können. In meinen Blogstatistiken habe ich jetzt durch einen Backlink gesehen, dass ein paar Fans von [...]
Mai 7, 2009 um 19:09
zahlenpeter
Eine sehr gute Analyse. Die Tatsache, daß „The X-Factor“ (und auch „American Idol“) nicht nur deutlich erfolgreicher sind als DSDS, sondern, daß letzteres Format nicht annähernd an den Erfolg der ersten Staffel anknüpfen konnte, zeigt, daß das vom RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger (Zitat: „Wenn das jetzt zehn nett aussehende, nett singende Kandidaten wären, die alle zuvorkommend zueinander wären, dann hätten wir die Entdeckung der Langeweile, aber nicht die Suche nach dem neuen Superstar.“) vertretene Konzept nicht so durchdacht ist, wie er behauptet. Ein Stefan Raab konnte mit vergleichsweise weniger Aufwand zwei Künstler finden, die nachhaltig Erfolg haben.
Neben den genannten Punkten möchte ich noch eine Sache nennen: Bei RTL ist man der Ansicht, daß man für jede Staffel ein neues Konzept haben muß (dieser Jahr waren es Dokusoap-Elemente und eine möglichst bunte Kandidatenschar, nächstes Jahr soll was neues her). So wäre völlig undenkbar, wie bei „American Idol“ 8 Jahre mit derselben Jury zu bestreiten. Neuerungen sind zwar schön, müssen aber weiterentwickelt werden.
So, wie die Show jetzt aufgezogen wird, findet sie zwar auch ihr Publikum, aber es ist zum großen Teil ein Publikum, welches mehr am Zirkus und weniger an der Musik interessiert wird. Das schlägt sich auch in den Diskussionen nieder, wo ein Teil dem Niveau der Berichterstattung folgt und ein anderer Teil die Kandidaten in Bausch und Bogen künstlich aufgebauschte Nichtskönner abtut (was sie so auch nicht verdient haben).
Wenn ich anfangs erwähnt habe, daß DSDS den Erfolg der ersten Staffel nicht wiederholen konnte, so stimmt das nicht ganz: Dieter Bohlen dürfte gegenwärtig durch Buchverkäufe und Werbeverträge die meiste Präsenz und die größten Einnahmen seit damals haben.
Mai 8, 2009 um 12:40
tvundso
Danke für die Ergänzungen.
„aber es ist zum großen Teil ein Publikum, welches mehr am Zirkus und weniger an der Musik interessiert wird.“
Ich glaube, dass trifft auf fast alle deutschen Formate zu. Das Dschungelcamp geht da einen guten Mittelweg: Das können die Zirkusfans schauen, aber auch die anspruchsvolleren Zuschauer, weil hinter der Kakerlakenfassade viel mehr steckt.
American Idol finde ich persönlich eher langweilig. Das richtet sich ja zunehmend auch an ältere Zuschauer, wie ich hier auchmal beschrieben habe.
Mai 10, 2009 um 12:46
Mein DSDS-Fazit 2009: Warum DSDS eigentlich gar nichts für mich ist « TV… und so
[...] das liegt gar nicht an mir (weil The X-Factor finde ich ja ziemlich klasse, wie ich ständig hier schreibe). Die Mottoshows sind für mich (28, männlich) gar nicht gedacht. Kann sein, dass RTL das weiß, [...]
Mai 10, 2009 um 16:13
Favoritenrolle bei DSDS – Stand 2009 « Zahlenpeter’s Weblog
[...] “Was RTL und DSDS von ‘The X-Factor’ lernen sollten” – TV… und so [...]
August 23, 2009 um 18:53
Time to face the music: X-Factor ist zurück! « TV… und so
[...] Was RTL und DSDS von The X-Factor lernen sollten [...]
Dezember 4, 2009 um 01:07
The X Factor 2010 in Deutschland auf RTL und VOX « TV… und so
[...] über einem Jahr habe ich mal in einem Beitrag auf diesem Blog besprochen, was RTL und DSDS von The X Factor lernen könnten. In dem Artikel erfahrt ihr, wenn ihr es noch nicht wisst, worin sich DSDS und X Factor überhaupt [...]
Juni 12, 2010 um 11:25
Anonymous
[...] [...]